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Patenschaften: Kraft für neue Ziele

„Dass ich Zabi und Rajab kennen lernen durfte, ist ein großes Geschenk für mich.“ Ein Erfahrungsbericht über eine Patenschaft für zwei unbegleitet geflüchtete Jugendliche.

Vor eineinhalb Jahren erreichte mich die Anfrage, eine Patenschaft für einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling zu übernehmen, und ich sagte sofort zu. Die Anfrage kam genau zur richtigen Zeit in genau der richtigen Form: Wir sind eine Familie mit zwei jugendlichen Kindern – da passt eines mehr doch gut dazu!

Wir haben also im September 2015 Zabi kennengelernt, und er hat es uns denkbar leicht gemacht, ihn sofort ins Herz zu schließen. Genau wie Rajab, der ein halbes Jahr später dazukam. Obwohl beide sehr verschieden sind, gibt es Dinge, die ich an beiden bewundere: Beide haben sich trotz der jahrelangen Gewalterfahrungen, trotz des Krieges und des Verlusts von Familie und Heimat, ihren Glauben an das Gute im Menschen bewahrt. Sie sind außergewöhnlich warmherzig und freundlich, respektvoll, aufmerksam und höflich – und unserer Familie und ihrem neuen Heimatland gegenüber absolut loyal. Beiden ist der unbedingte Wille zu eigen, ihr Leben hier in die Hand zu nehmen und etwas daraus zu machen. Rajab hat in diesem Jahr eine Lehre begonnen und Zabi wird im Sommer seinen Hauptschulabschluss machen. Beide sind in ihrer Heimat kaum zur Schule gegangen; hinter jedem schulischen Erfolg steht ein riesiges Maß an Eigeninitiative, Zähigkeit und Fleiß. Wenn man miterlebt, welche enormen Anstrengungen sie unternehmen, um Deutsch zu lernen, eine Berufsausbildung zu machen und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, dann kann man der pauschalen Sorge, Flüchtlinge seien nur schwer zu integrieren, nichts abgewinnen.

Wie sieht der Patenalltag aus?

Je nachdem, wie beschäftigt alle sind, sehen wir uns mehr oder weniger oft. Dann kochen wir zusammen, essen und reden… Regelmäßiges Klettern in der Waldorfschule gehört zum Repertoire der gemeinsamen Unternehmungen ebenso wie Spazierengehen, Kino-, Museums-, oder Konzertbesuche. Wir spielen Tischtennis, gehen Schwimmen, fahren Schlitten und sogar Ski; ganz gewöhnliche Familienunternehmungen eben. Auch in den Herzen unserer Verwandten und Freunde haben sie sich längst ihre Plätze erobert und werden auch dort zu Festen und Urlauben eingeladen. Anfangs hat mich das Ausmaß des Leides, dass die Jungs erfahren haben, deprimiert – und für Momente auch mutlos gemacht. Was können wir schon ausrichten mit unseren banalen Zeitvertreiben gegen den Verlust einer ganzen Familie? Nachdem nun eineinhalb Jahre vergangen sind, haben sich viele kleine, schöne Erlebnisse aneinandergereiht, die auch deswegen schön waren, weil die Jungs empfänglich sind für die Freuden des Lebens. Und alle Erlebnisse zusammen bilden doch langsam ein Gegengewicht zu Trauer und Verzweiflung.

Was hat mich motiviert, eine Patenschaft zu übernehmen?

Der Wunsch, der Welt etwas von dem zurückzugeben, was ich als in jeder Hinsicht privilegierter, in Frieden und Wohlstand lebender Mensch so ganz unverdient erhalten habe, geht eigentlich auf einen Schock zurück, der wohl viele andere Kinder ebenso wie mich irgendwann ereilt hat, und der für mich nichts seines ursprünglichen Skandals verloren hat: Die Erkenntnis, dass es Leid in der Welt gibt. „Wieso habe ich so viel und andere nichts – und was kann man tun?“- Das ist die Grundform einer Frage, die mich nun schon gute 30 Jahre umtreibt – und meinen Mann passenderweise ebenfalls. Zu versuchen, einem unbegleiteten jugendlichen Geflüchteten, (also einem Mitglied der schutzlosesten und gefährdetsten Gruppe, die die Flüchtlingskatastrophe hervorgebracht hat) wenigstens einen Bruchteil dessen zu geben, was wir auch unseren eigenen Kindern geben wollen, schien eine gute Antwort auf den letzten Teil dieser Frage zu sein.

Ich habe also ganz persönliche Motive dafür, jemandem helfen zu wollen, der meiner Hilfe Bedarf. Wobei es mit dem Helfen ja auch eine wunderbare Sache ist:

Ich helfe bei der Entzifferung eines umständlich formulierten Behördenbriefes und versuche, diesen wiederum angemessen umständlich zu beantworten.

Mir wird verholfen zu der Erfahrung, gerade etwas wirklich Sinnvolles getan zu haben. Wer wurde reicher beschenkt?

Es gibt aber auch noch ein nicht rein privates Motiv: Ich möchte in einer offenen, freien Gesellschaft leben, in der wir uns nicht hinter Begriffen wie Sorge oder Angst verschanzen. Ich möchte für mich und meine Kinder eine Gesellschaft, in der jede/r gleichermaßen respektiert wird und die gleichen Lebenschancen erhält, egal welcher sozialen Schicht, welchem Geschlecht, welcher Religion, Ethnie, sexuellen Orientierung etc. er/sie angehört. Und da ich kein politisches Talent besitze, kann ich wenigstens ganz im Kleinen versuchen, an meiner Wunschgesellschaft mitzubauen. Das ist nicht unbedingt einfach.

Aber die Belohnungen überwiegen bei weitem die Mühen: Der Horizont unserer Familie hat sich im letzten Jahr enorm erweitert. Zuerst einmal haben wir ein sehr viel tieferes Verständnis für die Ereignisse, die mit der sog. Flüchtlingskrise zusammenhängen, gewinnen können, weil Zabi und Rajab uns den Zugang zu einer Innenperspektive ermöglicht haben. Es handelt sich nämlich nicht um eine „Flut“, die mit den Geflüchteten zu uns gekommen ist, sondern um Menschen mit ihren je eigenen Geschichten.

Eine Erkenntnis des letzten Jahres ist außerdem, dass anders einfach nur anders ist, mehr nicht. Dadurch, dass wir andere kulturelle oder religiöse Erfahrungen gemacht haben oder anders aussehen, müssen wir uns nicht fremd sein. Wir sind in Manchem ein bisschen anders-und das ist bereichernd und interessant -, und in den wesentlichen Dingen gleichen wir uns: In unseren Hoffnungen, Wünschen, Zielen, Bedürfnissen etc.

Dass ich Zabi und Rajab kennen lernen durfte, ist ein großes Geschenk für mich, und sie sind aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Ich hoffe, dass ich sie noch lange begleiten darf, auch weil ich wahnsinnig gespannt bin, wie die Geschichte weitergeht!

Stefanie R.

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